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Der vernünftige Gottesdienst

Predigt zu Römer 12, 1-3
Martin-Luther-Kirche Linz am 10.1.2016

Angesichts der Barmherzigkeit Gottes ermahne ich euch, Brüder: Bringt euer leibliches Leben Gott zu einem lebendigen, heiligen, ihm wohlgefälligen Opfer dar; das soll euer vernünftiger Gottesdienst sein. Und lasst euch nicht gleichschalten mit dem Gefüge dieser Weltzeit, sondern lasst euch verändern, lasst neu werden eure Sinne, dass ihr beurteilen könnt, was Gottes Wille ist: das Gute, das Gott Wohlgefällige, das Vollkommene. So sage ich kraft der Gnade, die Gott mir gegeben hat, jedem einzelnen unter euch: Strebt nicht über das hinaus, was euch zukommt, sondern strebt danach, besonnen zu sein, jeder nach dem Maß des Glaubens, das Gott ihm zugeteilt hat.

Liebe Schwestern und Brüder,
wie schwer ist es doch, sich vom Geschehen unserer Zeit abzugrenzen. Andauernd prasseln Informationen auf uns ein. Ständig werden wir aufgefordert zu entscheiden, zu handeln, zu kaufen.

Ob Fernsehen, Zeitung, Radio, Handy, Internet, Facebook, E-Mail oder WhatsApp – der Strom der Nachrichten, Katastrophenmeldungen, Gerüchte, Bilder, Sonderangebote und Skurrilitäten reißt nicht ab.

Immer müssen wir uns dazu verhalten – müssen antworten, auswählen, bewerten, liken oder nicht liken – oder die auf uns einströmenden Bilder und Informationen schlicht und ergreifend ignorieren.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht, aber mir fällt es nicht immer leicht zu entscheiden, welche Information für mich als mündiger Bürger und Christ wichtig, relevant, beachtenswert ist und was ich getrost vergessen kann.

„Lasst euch nicht gleichschalten mit dem Gefüge dieser Weltzeit.“ Als wäre das so einfach.

Vieles, was sich in dieser unserer Weltzeit ereignet, können wir nicht ignorieren, betrifft uns, wirkt sich unmittelbar oder mittelbar auf unser Leben aus. Da hilft es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken und sich auf einer Insel der Seligen zu wähnen.

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes, Veränderungen des Klimas und der Umwelt, politische Entscheidungen, die die soziale Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger betreffen, Flüchtlingsbewegungen und Migration – all dies und noch viel mehr ist für uns alle wichtig, auch wenn wir die Augen davor verschließen.

„Lasst euch nicht gleichschalten mit dem Gefüge dieser Weltzeit.“ Was meint Paulus eigentlich damit?

Ganz sicher meint er kein religiöses Biedermeier, kein Sich-Einmummen in religiöse Selbstgewissheit und Zuversicht. Für mich drückt dieser Satz das Widerständige des christlichen Glaubens aus, das, was sich nicht den Interessen des Marktes und der Mächtigen unserer Zeit unterordnet.

„Lebt in dieser Zeit, nehmt die Herausforderungen an, aber macht euch nicht gleich mit den Profiteuren der herrschenden Zustände, macht euch nicht gleich mit den Zerstörern der Natur und den Unterdrückern der Menschlichkeit.“

Vielleicht wäre das eine andäquate, zeitgemäße Übertragung des paulinischen Satzes?

Stattdessen aber: „Lasst euch verändern, lasst neu werden eure Sinne, dass ihr beurteilen könnt, was Gottes Wille ist: das Gute, das Gott Wohlgefällige, das Vollkommene.“

Gewiss ist es nicht immer einfach zu wissen, was gut ist. In der Unübersichtlichkeit unserer heutigen Zeit, angesichts der Komplexität der Verhältnisse, lassen sich Gut und Böse manchmal schwer unterscheiden. Und auch die Grautöne haben ihr Recht und wollen gesehen werden.

Doch wir haben in unserer jüdisch-christlichen Tradition, wir haben in der Bibel einige Kriterien, die uns helfen, Gut von Böse zu unterscheiden: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Dieses Dreifachgebot der Liebe ist der zentrale Glaubenssatz der jüdisch-christlichen Tradition. Er kommt in der Bibel – und auch in anderen Religionen – in verschiedenen Variationen und Formulierungen vor:

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu“, lautet die zum Sprichwort gewordene „Goldene Regel“.

„Keiner von euch glaubt wahrhaftig, bis ihr nicht für andere wünscht, was ihr für euch selbst wünscht“, formuliert es der Prophet Mohammed.

„Behandle andere nicht auf eine Weise, die du selbst als schmerzhaft empfinden würdest“, so Buddha.

So helfen uns diese Regeln, so helfen uns die Gebote, dem Guten, dem Gott Wohlgefälligen auf die Spur zu kommen. Es sind die Auswirkungen auf andere, auf unsere Brüder und Schwestern, die den Unterschied zwischen Gut und Böse ausmachen: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem anderen zu.“

Dazu braucht es nach Paulus aber auch eine grundlegende Veränderung, einen Wandel der Sinne, damit wir fähig werden, Gut und Böse zu unterscheiden.

Einen solchen Wandel erleben wir in der Taufe und in der Gemeinschaft der Heiligen, die wir alle sind. „Ich bin in Christus eingesenkt, ich bin mit seinem Geist beschenkt“ haben wir vorhin gesungen. Dieser Geist ist es, der uns verändert und unsere Sinne neu werden lässt.

Und die Konsequenz dessen? Was folgt aus der Veränderung, aus dem Wandel unserer Sinne?

Paulus mahnt die Gemeinde in Rom: „Bringt euer leibliches Leben Gott zu einem lebendigen, heiligen, ihm wohlgefälligen Opfer dar; das soll euer vernünftiger Gottesdienst sein.“

Der Opfer-Begriff weckt bei uns negative Assoziationen: Zu oft wurde die sich aufopfernde Liebe missbraucht, gefordert, instrumentalisiert. Zu oft wurden Randgruppen und Marginalisierte im Namen eines vermeintlich höheren Ziels den Interessen der jeweils Herrschenden geopfert.

Zu oft wird selbst in der Bibel berichtet, dass Gott die Opfergaben der Menschen verachtet.

Wie können wir angesichts dieser Erfahrungen dem Wort des Paulus etwas Positives abgewinnen?

Vielleicht hilft es uns, wenn wir an Menschen denken, die ihr Leben ganz und gar einer Sache gewidmet haben: an einen erfolgreichen Musiker; an eine wegen ihrer Kompetenz geschätzte und gefragte Ärztin; an einen leidenschaftlichen und engagierten Lehrer.

Sie alle wissen, dass man ein Ziel nicht ohne Verzicht, nicht ohne Opfer erreichen kann. Sie alle investieren Lebenszeit, Wissen, Können, Energie, Leidenschaft und Wertschätzung für ihre Hörerinnen und Hörer, für Patientinnen und Patienten, für Schülerinnen und Schüler.

Vielleicht können wir von ihnen auch etwas für unser eigenes leibliches Leben lernen:

Gute Leistungen erbringt man nur mit Hingabe, mit Engagement und Energie.

Gute Leistungen erbringt man nur, wenn man sein Tun am Du orientiert, am Gegenüber, an Hörerinnen und Hörern, an Patientinnen und Patienten, an Schülerinnen und Schülern.

Gute Leistungen sind immer auch Geschenk – sie erwachsen aus den Gaben und Charismen, die uns  Gott geschenkt hat. Sie entstehen, wenn wir entdecken, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten von Geburt an in uns stecken.

Der Sinn eines christlichen Lebens besteht auch darin, diese Gaben, Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Geltung zu bringen. Lassen wir doch unsere Gaben, lassen wir unsere Fähigkeiten und Charismen leuchten und einander zum Licht werden!

Ich glaube, dass ein vernünftiger Gottesdienst darin besteht, gerade diese Gaben und Fähigkeiten im Alltag zur Geltung zu bringen.

Wenn wir unsere Gaben und Fähigkeiten füreinander einsetzen, so, dass sie auch unseren Schwestern und Brüdern zum Segen werden, dann entsprechen wir damit auch der Sehnsucht Gottes.

Denn Gott wünscht sich keine Rauch- und Brandopfer, aber er wünscht sich, dass wir unser Leben füreinander leben – in Gemeinschaft, Verbundenheit und gegenseitiger Achtung.

Amen.

Published inPredigten

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