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Die Güte liegt ihm mehr am Herzen

Predigt zu Micha 7,18-20 in der Lukaskirche Leonding am Sonntag, 21. Juni 2026

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Gibt es einen Gott, der so handelt wie du, der Schuld vergibt und Fehler nicht anrechnet Tut er es nicht für den Rest seines Eigentums?

Ja, er hält nicht für immer fest an seinem Zorn. Denn die Güte liegt ihm mehr am Herzen. Er wird wieder Erbarmen mit uns haben: Er wird unsere Schuld zertreten und alle unsere Vergehen tief im Meer versenken.

Ja, du wirst Jakob die Treue halten und Abraham mit Güte begegnen. So hast du es unseren Vorfahren geschworen, und zwar von Anfang an.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Frage ob der Gott Israels, der Gott Jesu, ein gnädiger oder ein strafender Gott ist, gehört zu den wichtigen Fragen unseres Glaubens.

Wir kennen persönliche Verfehlungen. Wir wissen, dass wir an anderen schuldig werden. Wir wissen auch, dass Strukturen unserer Welt, Strukturen von Wirtschaft und Politik, an denen wir teilhaben, Ungerechtigkeiten – Leid für Menschen und Schöpfung – hervorbringen.

So war es auch zur Zeit des Propheten Micha, der in seinem Buch Sozialkritik übt – Kritik an der Aus-beutung der Landbevölkerung durch ungerechtes Verhalten der herrschenden Eliten: Reiche eignen sich Felder der Armen an und vertreiben sie aus ihren Häusern.

Damals wie heute stellt sich die Frage: Wie geht eigentlich Gott damit um? Wie reagiert Gott auf das Fehlverhalten seiner Geschöpfe, der Menschen?

Diese Frage ist auch deshalb relevant, weil sich an ihr entscheidet, ob das Verhalten Einzelner oder von Gruppen Konsequenzen hat: Bleibt das Fehlverhalten von Menschen ungestraft? Kommen also diejenigen ungestaft davon, die sich persönlich bereichern oder von ungerechten Strukturen profitieren?

Es geht um Fragen der Ethik und der Moral. Ist Gott gut und will das Beste für seine Geschöpfe, dann kann er Fehlverhalten einzelner oder von Gruppen nicht ungestraft lassen. Welche Gerechtigkeit wäre das, wenn die Schufte der Geschichte am Ende triumphieren und die geschundenen, ausgebeuteten, an den Rand gedrängten „kleinen Leute“ nicht in Schutz genommen werden?

Darum spricht die Bibel vom „Zorn Gottes“. Darum gibt es die Vorstellung vom Weltgericht, bei dem jede und jeder Einzelne für ihre oder seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird.

Ohne unser Verhalten in Relation zu ethischen Maßstäben zu setzen – du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch Zeugnis reden usw. – gibt es keine Gerechtigkeit, und das widerspricht dem Gedanken eines gerechten Gottes.

Gott muss also „seinen Zorn walten lassen“, gerade, weil er uns ethische Maßsstäbe mit auf den Weg gegeben hat.

Gott hat aber auch noch eine andere Seite, die in der Bibel ebenso prominent ihren Platz findet und die in Spannung zu Gottes Gerichtshandeln steht: Gottes Gnade und Güte.

Was wäre ein Gott, der uns nur nach unserem Verhalten beurteilt und bestraft, womöglich gar noch bis in den kleinsten Winkel unseres Herzen, der auch den kleinsten Fehltritt ans Licht bringt und uns als Schuld anrechnet?

Ein kalter und unbarmherziger Gott, ein Tyrann.

Denn als zu Fehlern und zu Bösem fähige Wesen sind wir geschaffen; zu Gutem sind wir berufen. Kann Gott uns strafen für etwas, das er uns in die Wiege gelegt hat?

Ich glaube, beides ist wichtig: Der Gedanke, dass wir Rechenschaft ablegen müssen für unser Handeln, denn sonst wäre alles gleichgültig und jede Ethik würde ins Bedeutungslose nivelliert. Doch wir sind auch angewiesen auf Großzügigkeit und Verzeihen, da wir nicht zur Fehlerlosigkeit geschaffen sind.

Gerade Letzteres wird von Micha gepriesen: „Gibt es einen Gott, der so handelt wie du, der Schuld vergibt und Fehler nicht anrechnet?“ Und er setzt hinzu: „Er hält nicht für immer fest an seinem Zorn. Denn die Güte liegt ihm mehr am Herzen. Er wird wieder Erbarmen mit uns haben: Er wird unsere Schuld zertreten und alle unsere Vergehen tief im Meer versenken.“

Als Jona vor Gottes Auftrag davonlief, wurde er ins Meer geworfen und von einem Fisch verschluckt. Doch Gottes Gnade brachte ihn wieder an Land – der Fisch spuckte ihn aus. Seine erneute Berufung, als Prophet nach Ninive zu gehen, nahm er an. Er prophezeite der Stadt den Untergang und ärgerte sich über Gottes Erbarmen.

Der Gott Israels ist ein Gott der Gnade, weil er seine Geschöpfe grenzenlos liebt. Von dieser Liebe allein lebt auch Jona. Von dieser Liebe leben wir.

„Gott hält nicht für immer fest an seinem Zorn. Denn die Güte liegt ihm mehr am Herzen.“ Das ist eine gute Nachricht. Das ist Evangelium.

Gott liebt seine Menschen, aber er hasst die Sünde. Darum „wird er unsere Schuld zertreten und alle unsere Vergehen tief im Meer versenken.“

Nicht wir werden zertreten, sondern unsere Schuld. Nicht wir werden ins Meer geworfen, sondern unsere Vergehen. Gott selbst schafft uns die Sünde vom Hals, damit er uns gnädig sein kann.

Was folgt daraus für unser Leben? Dankbarkeit. Freiheit von Angst. Zuversicht. Aber auch Verant-wortung für das, was wir tun, und das, was wir getan haben.

In einer Synagoge in Budapest habe ich folgenden Satz gelesen: „Der Glaube kann nicht losgelöst sein von der Ethik und ethischen Handlungen.“

Das bedeutet, dass wir als glaubende Menschen in der Spannung leben zwischen gut sein und schuldig werden, aber auch in der Spannung zwischen Gericht und Gnade. Es ist kein entweder oder, sondern ein sowohl als auch.

Vielleicht ist Gottes Gericht mehr als wir ahnen ein Mittel der Gnade, und seine Gnade zeigt uns mehr als uns lieb ist auf, dass wir immer in der Gefahr stehen schuldig zu werden.

Was folgt daraus für unser Leben? Freiheit und Verantwortung. Freiheit unser Leben zu wagen im Wissen, dass wir zu Gutem fähig sind, aber unweigerlich auch schuldig werden. Verantwortung zu übernehmen für uns selbst, unsere Mitmenschen, die Welt als Ganzes, aber vor allem für unsere eigenen Handlungen und Taten.

Dabei dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns gnädig ist, denn „denn die Güte liegt ihm mehr am Herzen. Er wird wieder Erbarmen mit uns haben.“

Amen.

Published inPredigten

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